Wenn Mama trinkt – eine Geschichte über Angst, Verantwortung und Neuanfang

Lautstark, leise oder über kleine Zettel an der Weinflasche – sie versuchte alles, um mit ihrer alkoholkranken Mutter zu sprechen. Nichts half. Erst als sie und ihre Geschwister völlig erschöpft waren, fand sie Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe in Krefeld. Dort lernte die 22‑Jährige, die Verantwortung für das Verhalten ihrer Mutter loszulassen, ihre Vergangenheit anzunehmen und einen neuen Weg zu gehen. Sie schreibt:

Kindheit zwischen Schlaf, Wein und Schweigen

Bei uns zu Hause war vieles anders als bei meinen Freunden. Meine Geschwister und ich mussten nicht pünktlich zum Essen da sein. Unsere Mutter rief nicht an, um zu fragen, wo wir waren. Sie schlief viel – und sie trank viel Wein.

Als Jugendliche verstanden wir immer besser, was mit ihr geschah. Wir beobachteten ihr Trinkverhalten, redeten miteinander, sogar mit einer Freundin von ihr. Manchmal schimmerte Hoffnung, doch sie erfüllte sich nie.

Besonders peinlich war die Konfirmation meiner Schwester. Mama roch stark nach Wein, und selbst auf den Fotos sieht man, dass sie betrunken war. Ich schämte mich.

Ich brachte kaum noch Freundinnen mit nach Hause, erfand Ausreden und Lügengeschichten. Ich spielte eine Rolle, damit niemand merkte, wie schlecht es mir ging. Oft lag ich abends im Bett und fragte mich, ob Mama die Treppe herunterfallen oder einen Unfall haben könnte – so betrunken, wie sie war.

Der schlimmste Moment

Eines Nachts hörte ich ein lautes Scheppern. Mama war gefallen. Ich half ihr hoch, brachte sie ins Bad. Ihr Anblick, ihr Geruch – es war ekelhaft. Ich war wütend und traurig zugleich.

Ich hielt sie fest, damit sie nicht wieder stürzte. Das war der schlimmste Moment mit meiner alkoholisierten Mutter. Zurück im Bett konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Ich betete zu Gott um Hilfe.

Kontrolle, Angst und ein Weihnachtsfiasko

Als Mama einen neuen Partner kennenlernte, trank sie abends mit ihm zusammen. Mein Bruder zog aus, und meine Schwester und ich waren allein mit zwei Erwachsenen, die täglich Alkohol tranken. Wir kontrollierten alles – sogar den Tomatensaft am Morgen roch nach Wein.

Das Weihnachtsfest vor zwei Jahren sollte ein Familienfest werden. Es wurde ein Fiasko. Mama lag im Bett, sah schrecklich aus, musste sich beim Essen übergeben. Zum ersten Mal sahen auch andere Gäste, was los war. Sie rieten ihr, zum Arzt zu gehen. Ich folgte dem Rat einer Bekannten und suchte eine Selbsthilfegruppe auf.

Weniger Schweigen, mehr Gefühle

Meine Schwester und ich gingen zur Gruppe. Es war ungewohnt – wir waren die Jüngsten. Alle hörten uns zu, alle redeten mit uns. Und wir gingen wieder.

Ich lud auch Mama ein, aber sie wollte nicht. Ich schrie sie an – es half nichts. Also schrieb ich ihr Zettelchen und klebte sie auf die Weinflasche:

„Warum machst du dich so kaputt?“ „Ich verstehe dich nicht.“ „Ich liebe dich.“ „Wir können dir helfen.“

Mit der Zeit veränderte sich etwas – nicht bei Mama, sondern bei uns. Wir schwiegen weniger, logen weniger. Es ging uns besser. Ich zog in eine eigene Wohnung, später kam meine Schwester nach.

Offenheit als Weg zur Heilung

Die Selbsthilfegruppe wurde für uns ein Ort, an dem wir reden und verstehen konnten. Wir sprachen über Gefühle: Nicht geliebt zu werden. Keine Familie zu haben. Zu viel Verantwortung zu tragen. Immer helfen zu wollen.

Wir begannen, auch mit Verwandten und Freunden offen über Mamas Alkoholkrankheit zu sprechen. Wir merkten: Wir sind nicht allein. Viele kennen dieses Problem.

Neuanfang im Denken und im Glauben

Ich lerne, damit zurechtzukommen, dass ich keine Mutter habe, mit der ich einkaufen gehen oder normal reden kann. Ich versuche, mir nicht ständig Sorgen zu machen. Ich begreife, dass ich ein wertvoller Mensch bin – und dass ich mir Liebe nicht erarbeiten muss.

Ich bin dankbar für das Blaue Kreuz. Die Gruppenleiter sind Christen. Anfang 2007 erzählten sie mir von Jesus. In einem gemeinsamen Gebet vertraute ich ihm mein Leben an. Es war der schönste Tag meines Lebens.

Mit Jesu Hilfe kann ich heil werden. Mit der Hilfe der Selbsthilfegruppe lerne ich, mich so zu verhalten, dass es mir gut geht.

Ich liebe meine Mutter. Ich bete jeden Tag für sie. Wenn sie mich eines Tages um Vergebung bittet, möchte ich sagen können, dass ich ihr längst vergeben habe. Und wenn das nie passiert, ist es auch in Ordnung. Wichtig ist, dass ich mit dem zurechtkomme, was mir passiert ist.