Weihnachten war immer das Schlimmste

„Stille Nacht, heilige Nacht…“ Wenn ich an Weihnachten mit meinen Eltern zurückdenke, höre ich immer dieses Lied. Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass es schnell wieder vorbei ist. Meine Weihnachtserlebnisse haben mich gelehrt, sehr sensibel dafür zu sein, wenn Menschen Rituale befolgen, ohne darüber nachzudenken.

Ein Fest der Hoffnung – und für mich ein Ort der Angst

Der Geburtstag des Gottessohnes, eigentlich ein Tag der Hoffnung, bedeutete für mich drei Tage Eingesperrtsein: zwischen Tannenbaum, Schallplattenapparat, Fernseher und Esstisch. Drei Tage, in denen ich verzweifelt versuchte, einen Frieden zu bewahren, den es längst nicht mehr gab.

Schon am Morgen des Heiligen Abends konnte ich erkennen, wie der Tag verlaufen würde – abhängig vom Alkoholpegel meiner Mutter. War sie gegen elf Uhr bereits betrunken, schlief sie den Nachmittag durch. Danach trank sie gegen den Kater an und hielt bis spät in die Nacht einen Pegel, der sie friedlich machte. Kam die Trunkenheit erst am Nachmittag, wurde das Abendessen plötzlich vorgezogen oder der geplante Ablauf blieb bestehen – allerdings in gereizter Stimmung.

Wirklichen Streit gab es selten. Und genau das war das Schlimme: diesen Zustand zu vermeiden, kostete mehr Kraft als der ohnehin belastende Alltag in einer alkoholkranken Familie.

Die Katastrophe, die niemand kommen sah

Immer brannte der Tannenbaum, immer dudelte die Schallplatte oder sang ein Chor im Fernsehen. „Stille Nacht, heilige Nacht…“

Doch die größte Katastrophe war, wenn meine sorgfältige „Diagnose“ über den Verlauf des Abends nicht stimmte.

Einmal schmückte ich den Baum und erwartete, dass meine Mutter bis zum Abend schlafen würde. Doch plötzlich lag eine andere Stimmung in der Luft. In der Küche fand ich sie sturzbetrunken über den Kochtöpfen. Sie hatte eine Geschenktüte aus der Firma meines Vaters entdeckt – darin ein halber Liter Schnaps zum Einmachen von Früchten.

Mit einer Zigarette in der Hand, deren Asche in den Rotkohl zu fallen drohte, reagierte sie beim ersten Wort, das ich sagte, impulsiv: Sie warf den Aschenbecher nach mir.

Ich weiß nicht mehr, wie die Situation endete. Nur, dass wir später alle zur Bescherung und zum Abendessen zusammensaßen. Und natürlich lief die Schallplattenmusik.

Mit freundlicher Genehmigung Aus dem Buch „Das schaffen wir“ – Hrsg. Werner Brück