Ein Brief zum Beginn seiner stationären Behandlung
Lieber Papa,
ich schreibe dir nicht, um dir weh zu tun. Ich schreibe dir, weil ich dir im nüchternen Zustand einmal vor Augen halten möchte, wie weh du mir getan hast. Ich hoffe, dass du mich jetzt – wo du nicht mehr trinkst – verstehen kannst.
Euer Ehestreit
Jeden Abend, seit du weg bist und ich im Bett liege, höre ich dich und Mama streiten. Genauso laut und deutlich wie früher, wenn du da warst.
Anfangs bin ich immer aufgestanden, um zu schauen, mit wem Mama sich streitet. Doch oben war alles ruhig. Legte ich mich wieder hin, hörte ich euch erneut schreien. Erst wenn ich mir die Bettdecke über den Kopf zog, konnte ich einschlafen.
Heute stehe ich nicht mehr auf – ich weiß, dass oben niemand ist. Aber die Bettdecke brauche ich immer noch.
Meine Scham
Wenn Freunde zu uns kamen, hoffte ich jedes Mal, dass du im Bett liegst oder einigermaßen normal bist. Doch wenn du wieder im Sessel hingst, schliefst oder gebrüllt hast, habe ich mich so geschämt, jemanden mit nach Hause zu bringen.
Es war mir peinlich, wenn dich jemand betrunken sah. Ich glaube, unsere Nachbarn kommen nicht mehr zu uns, weil sie mitbekommen haben, was bei uns los ist.
Meine Lügen
Ich habe so viel wegen dir gelogen. Als du in der Psychiatrie warst, erzählte ich meinen Freundinnen, du wärst zur Kur wegen deiner Knochen.
Melanie sagte irgendwann: „Ich habe deinen Vater schon so lange nicht mehr gesehen.“ Ich antwortete: „Ich sehe ihn jeden Abend.“ Ich log, du würdest Überstunden machen.
Auch bei Familienfeiern mussten wir Kinder lügen, wenn Oma nach dir fragte. Ich konnte einfach nicht sagen: „Papa hat wieder getrunken.“
Meine Angst
Wenn du und Mama gestritten habt, habe ich immer gebetet: „Bitte, lieber Gott, lass ihn die Mama nicht schlagen.“ Du bist viel stärker als sie. Ich hatte solche Angst.
Danke, Papa, dass du uns wenigstens körperlich nie wehgetan hast.
Aber sag mal: Warum konntest du mit mir vernünftig reden – aber nicht mit Mama? Sie wollte dir doch helfen. Wenn sie das nicht gewollt hätte, hätte sie dich längst rausgeschmissen. Du kannst froh sein, Mama als deine Frau zu haben.
Mein Misstrauen
Am schlimmsten war, dass ich dir nicht mehr vertrauen konnte. Du hast nur noch gelogen. Am Ende musste ich sogar mein Zimmer abschließen.
Gestern saß im Bus ein Mann, bei dem ich sofort sah, dass er Alkoholiker ist – rote Nase, rotes Gesicht. Da habe ich mich gefragt, ob die Leute bei dir genauso gedacht haben.
Unsere Familie
Ich fand es schlimm, dass du dich komplett aus unserem Familienleben zurückgezogen hast. Dich interessierte nichts mehr außer: „Wie komme ich an meine Flasche?“
Ich hätte so gerne etwas mit dir unternommen. Aber du wolltest nicht.
Warum hast du eine Familie gegründet, wenn dich nichts an ihr interessiert? Du hast nicht nur dich, sondern auch uns und unser Zuhause verkommen lassen.
Auch Dirk wäre so gerne mit dir ins Stadion gegangen, Rad gefahren oder hätte mit dir gespielt. Aber entweder warst du nicht ansprechbar – oder es kam dein „Nein“.
Ich hoffe, dass du, wenn du wieder nach Hause kommst, ein besserer Vater sein wirst. Ich erinnere mich an früher, bevor du richtig mit dem Trinken angefangen hast. Da warst du ein guter Vater. Ich möchte diesen Vater zurück.
Meine Hoffnung
Papa, ich habe dich trotz allem lieb und möchte dich nicht verlieren. Du weißt, was auf dem Spiel steht, wenn du es diesmal nicht schaffst. Du wirst alles verlieren.
Aber ich glaube an dich. Du wirst es schaffen. Alkohol ist nicht das Leben. Du wirst sehen, wie schön das Leben ohne Alkohol ist.
Wir – deine Familie – werden dir dankbar sein, wenn du es schaffst. Du musst es nur wollen und Mut haben.
Natürlich wirst du jetzt viel Kritik hören, die dir nicht gefällt. Oh Gott, ich klinge schon wie eine Psychologin – ich mache besser Schluss.
Ich musste das Ganze einfach loswerden. Im Rausch hast du ja gar nicht mehr gemerkt, was du getan hast. Ich hoffe, du siehst jetzt ein, dass dein Verhalten falsch war.
Ich wünsche dir viel Mut. Mach’s gut.
Deine Sandra
PS: Ich hab dich lieb. Du wirst es schaffen. Wir möchten dich durch unsere Liebe und unser Vertrauen stärken. Helfen kannst du dir aber nur selbst. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Papa, ich glaube fest an dich. Sag dir immer wieder: „Ich will – also schaffe ich das auch.“