„Bitte lieber Gott, mach, dass er nicht reinkommt“ – Kindheit in Angst

Am frühen Morgen, kurz vor sechs, wurde es gerade hell, als zwei Männer ihn brachten. Er stammelte wirres Zeug, sein Hemd hing heraus. In diesem Moment wurde sichtbar, was bisher nur Vermutung war: Der Grund für das nächtliche Geschrei war nicht länger zu verdrängen.

Nächte voller Angst und Unsicherheit

Später, an einem anderen Abend, lagen meine Schwester und ich im Bett. Papa war wieder weg. Ich konnte nie einschlafen, bevor er zurück war.

Unten lief der Fernseher. Dann Schritte. Die Haustürklinke wurde gedrückt. War er es? Hoffentlich – oder lieber nicht.

Mutter öffnete. Er war es. Schon im Flur begann das Gemurre, die Stimmen wurden lauter. Ich verstand nur Wortfetzen.

Unsere Tante kam ins Zimmer. Ich stellte mich schlafend, lauschte aber noch intensiver.

Dann hörte ich Mutter die Treppe hochgehen. Stille. War er unten eingeschlafen? Sollte ich nachsehen? Oder einfach versuchen zu schlafen?

Doch dann hörte ich die Tür unten. Er kam die Treppe hoch – schwerfällig. Auf meine Zimmertür zu.

War sie abgeschlossen? Nein. Oh Gott.

„Bitte lieber Gott, mach, dass er nicht reinkommt.“ Er ging vorbei. „Danke, lieber Gott.“ Die Tür zum anderen Zimmer knallte. Ruhe. Endlich.

Ein Alltag zwischen Ekel, Scham und ständiger Alarmbereitschaft

An einem anderen Tag kam Vater nach Hause. Ich aß schnell, um fertig zu sein, bevor er wieder anfing zu predigen. Er setzte sich, grinste widerlich und stank nach Alkohol. Es würgte mich.

Er schimpfte über das Fernsehprogramm. Niemand antwortete – es war sinnlos.

Ich ging in mein Zimmer, drehte die Musik laut, um alles zu vergessen. Doch immer wieder machte ich sie leise, lauschte nach unten: Gibt es Streit? Braucht Mutter mich?

Als ich später nach unten ging, saßen alle da, als wäre Vater Luft. Er hielt den Kopf in den Händen – und weinte. Jämmerlich.

Ich ging wieder nach oben und weinte ebenfalls. Was hatte er gesagt? „Nun hätten wir es geschafft. Wir hätten ihn da, wo wir ihn hinhaben wollten – am Boden.“

War ich schuld? Ich konnte es nicht ertragen, einen so ungerechten Vater zu haben.

Verzweiflung und der Verlust eines Vaters

Ein anderes Mal stritten wir wieder. Er lamentierte über die Welt. Ich hielt dagegen: „Du kennst doch nur das Wirtshaus und deine Kumpane. Du bist dauernd betrunken.“

Er warf mir vor, nichts zu verdienen. Ich warf ihm vor, mein Studium nicht zu gönnen.

„Du hast doch alles, was du brauchst!“ sagte er.

Nein. Ich brauchte einen Vater.

Ich rannte weg, verzweifelt. Andere Kinder waren stolz auf ihren Vater. Ich musste mir anhören, dass ich ihn „zugrunde richte“, obwohl er uns zugrunde richtete.

Irgendwann gab ich ihm innerlich den „Mündigkeitsstatus eines Fünfjährigen“. Ich begann über ihn zu lächeln. Von da an hatte ich keinen Vater mehr. Ich war erwachsener als er.

Mit freundlicher Genehmigung Aus dem Buch „Das schaffen wir“