Kinder, die in einer Familie mit Alkohol- oder Suchtproblemen aufwachsen, tragen oft eine besondere Last. Sie erleben Unsicherheit, emotionale Instabilität und fehlende Verlässlichkeit. Um in diesem Umfeld zurechtzukommen, entwickeln viele Kinder bestimmte Rollen, die ihnen vermeintlich Sicherheit geben – langfristig jedoch belastend sein können.
Risikofaktoren für eine eigene Suchtentwicklung
Langzeitstudien zeigen, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien ein erhöhtes Risiko haben, später selbst Suchtprobleme zu entwickeln oder in dysfunktionale Beziehungen zu geraten:
- Söhne alkoholabhängiger Väter entwickeln zu etwa 28 % im Laufe ihres Lebens eine eigene Abhängigkeit.
- Söhne alkoholabhängiger Mütter sind etwas weniger gefährdet.
- Töchter alkoholabhängiger Eltern neigen häufiger dazu, Partner mit Alkoholproblemen zu wählen.
- Viele Kinder können kein stabiles Vertrauen zu sich selbst oder anderen aufbauen.
Um emotional zu überleben, übernehmen sie oft bestimmte Rollen innerhalb der Familie.
Typische Rollen von Kindern in suchtbelasteten Familien
1. Der Held / die Heldin
- häufig das älteste Kind
- versteckt eigene Gefühle hinter Hilfsbereitschaft
- übernimmt übermäßig Verantwortung, oft auch elterliche Aufgaben
- wirkt unauffällig und „funktioniert“
- empfindet Schuld, weil nicht alles zu bewältigen ist
- erhöhtes Risiko, später selbst einen suchtkranken Partner zu wählen
2. Der Sündenbock / der Rebell
- oft das zweitgeborene Kind
- erhält Aufmerksamkeit durch auffälliges Verhalten
- lenkt durch Aggressivität, Schulprobleme oder Regelbrüche vom eigentlichen Familienproblem ab
- bindet die Eltern in gemeinsamer Sorge
- gefährdet, später selbst suchtmittelabhängig zu werden
3. Der Träumer / die Träumerin
- zieht sich zurück, flüchtet in Fantasie oder eigene Welten
- wirkt pflegeleicht und unproblematisch
- Einzelgänger/in, beschäftigt sich scheinbar gut allein
- oft ein „stabiler Faktor“ in der Familie
- gefährdet, psychosomatische Beschwerden, Essstörungen oder Beziehungsprobleme zu entwickeln
4. Der Clown / das Maskottchen
- sorgt für gute Stimmung, vermeidet Konflikte
- lenkt durch Witze und Spaß von Spannungen ab
- zeigt Hyperaktivität oder überdrehtes Verhalten
- verbirgt Angst und Unsicherheit hinter Humor
- geringe Frustrations- und Belastungstoleranz
- erhöhtes Risiko für spätere Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit
Die drei unausgesprochenen Botschaften
Kinder aus suchtbelasteten Familien wachsen häufig mit drei zentralen, tief verinnerlichten Botschaften auf:
Sage nichts – fühle nichts – vertraue niemandem.
Diese Botschaften prägen ihr Verhalten, ihre Beziehungen und oft ihr gesamtes späteres Leben.